Das Aufbäumen des Patriarchats

Das letzte Aufbäumen des  Patriarchats

 

Es geht rau zu in der politischen Kommunikation. In Krisenzeiten lieben es die Menschen besonders, wenn jemand stark und hart erscheint - die Sehnsucht nach einem starken Führer ist das Benzin für die Machthungrigen. Und es sind immer Männer, wenn man mal von Margret Thatcher absieht.

 

Der Kampf für Gleichberechtigung wird vom Patriarchat als woker Frontalangriff verstanden, den es niederzuschlagen gilt, um die eigene Macht zu erhalten. 

 

In den letzten Jahren – meiner Wahrnehmung nach, verstärkt seit 2009 – häufen sich Ereignisse, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: autoritäre Wahlerfolge in vielen Ländern, eine offen zur Schau gestellte Verachtung wirklich freiheitlicher (zugunsten neo-liberaler) Werte, Angriffe auf die Pressefreiheit, die Rücknahme von Frauenrechten, das Ansteigen von Femiziden, die Wiederbelebung moralischer Reinheitsphantasien in religiösen Bewegungen, der politische Missbrauch von Bildern der „traditionellen Familie“ sowie die erstaunliche Selbstverständlichkeit, mit der Führungsfiguren sich international verstärkt über Gewalt, militärische Stärke oder aggressive Rhetorik definieren - bis hin zur politischen Gesellschaftsfähigkeit von Lügen, Angriffskriegen und Pussygrabbing. Alles vorher Tabus.

 

Diese Verschiebungen wirken wie zufällige Verwerfungen der Weltlage; doch in ihrer Gesamtheit geben sie ein Muster frei: Wir erleben eine globale Reorganisation patriarchaler Macht, die sich als Rückkehr zu Stärke und Ordnung tarnt.  Besonders perfide, weil sie selbst das Chaos vorher verursacht hat.

 

Schwarzer Mann im weißen Haus 

 

Was sich derzeit in vielen Staaten vollzieht – von den USA bis Russland, von Indien bis Argentinien, von der Türkei, über Ungarn bis hin zu extrem religiös-fundamentalistische und ultrakonservative Strömungen in Israel, und an zahllosen Orten dazwischen –, das alles ist mehr als ein Kampf um politische Programme. Es ist eine Auseinandersetzung um die Grundstrukturen gesellschaftlicher Wirklichkeit: Wer definiert, was eine richtige Familie ist? Wer bestimmt moralische Normen? Wer entscheidet, wessen Stimme Gewicht hat? Und vor allem: Wem steht gesellschaftliche Macht zu?

 

Während Demokratien nach Antworten auf Desinformation, geopolitische Konflikte und wirtschaftliche Unsicherheit suchen, wächst unübersehbar ein weiterer Konflikt im Hintergrund – einer, der selten ausgesprochen wird, obwohl er meines Erachtens die Triebkraft der gegenwärtigen Unruhe darstellt: Das Patriarchat bäumt sich auf, weil es seine gesellschaftliche Deutungshoheit verliert.

 

Ziemlich genau mit der Regierung Barack Obamas war der Höhepunkt männlicher "Kultiviertheit" erreicht: Ein schwarzer Mann zieht ins Weiße Haus ein. Er gewinnt am Anfang seiner Präsidentschaft den Friedensnobelpreis. Er verkörpert ein Ideal, mir seinem guten Aussehen, seiner Eloquenz, seiner Bildung, seinem Image als makelloser Familienvater, mit seiner liebevoll-zärtlichen Beziehung zu seiner partnerschaftlichen Ehefrau, der er seine Liebe, Bewunderung und seinen Respekt öffentlich bekundet. Er macht innenpolitisch große Forstschritte bei der Bekämpfung von sozialer Ungleichheit und auch außenpolitisch macht er eine gute Figur. Zwischendurch befiehlt die Tötung Osama Bin Ladens live im TV, zeigt somit auch noch Schlagkraft und vollendet, was Bush nicht geschafft hat. Er repräsentiert das Amt des Commander in Chief mit Würde, steht zu Israel und zur NATO und stabilisiert damit indirekt den Nahen Osten und Europa, wie wir heute wissen. Einer der Macht erhielt, weil er sie sich durch enorme Tugendhaftigkeit erarbeitet hatte und weil er damit gut umgehen konnte, ohne in einen Cäsarenwahn zu verfallen. Außer dem Scheitern seines Freihandelsabkommens und Guantanamo, beides wegen fehlender Transparenz, gibt es offiziell und öffentlich keinen Makel an seiner Amtsführung zu beklagen, sein Image war rein, seine öffentliche Weste weißer als weiß. Was tatsächlich war, werden wir nie erfahren, aber das ist die Natur eines Image: es handelt sich immer nur um den äußeren Anschein. 

 

In enger, herzlicher Freundschaft mit Angela Merkel, die als einflußreichste Frau der Welt galt im selben Zeitraum, bewies er, dass das klassische Patriarchat ausgedient hat. 

 

Und genau wie für Putin der Zusammenbruch der Sowjetunion die größte geopolitiische Katastrophe des 20. Jahrhunderts darstellte und eine narzisstische Kränkung, für die er sich rächen wollte, stellte ein schwarzer, kluger und humorvoller Präsident eine narzisstische Kränkung für viele Republikaner dar, für viele Rassisten und allen voran für den Obernarzissten Donald Trump - für die er sich rächen wollte. Womit ich nicht gerechnet habe, waren die vielen Anhänger dieses bizarren Clowns. Offenbar all jene, die mit der Niederlage des klassischen Patriarchats ihre eigene Niederlage verbanden. 

 

Ganz nebenbei: Parteichefin Merkel verstand es jahrelang, die Ambitionen vieler mittel-begabter Männer und auch völlig unbegabter Parias zu stören und klein zu halten. Auch die eines Friedrich Merz, was dieser wiederum als narzisstische Kränkung empfand und für die er sich jetzt rächt, könnte man sagen. Merkel brachte jahrelang alle gegen sich auf, die weniger Umweltschutz von der CDU verlangten und mehr Neoliberalismus - und vor allem weniger Gleichstellung.

 

Biedermann und Brandstifter 

 

Dass patriarchale Muster in Krisenzeiten an Einfluss gewinnen, ist historisch nichts Neues. Neu ist die Geschwindigkeit, mit der sich progressive Gesellschaften zurück entwickeln: Nachdem Frauen  besser ausgebildet, wirtschaftlich unabhängiger und politisch sichtbarer als jemals zuvor waren; die Vielfalt menschlicher Lebensentwürfe in vielen Regionen der Welt anerkannt wurde - erleben wir einen gesellschaftlichen Backlash. Warum? Cui bono?

 

Für jene, die ihre gesellschaftliche Position lange selbstverständlich behaupten konnten, bedeutet das einen gefühlten Statusverlust, und Psychologen wie Soziologen wissen: Nicht der reale Verlust erzeugt Wut, sondern der relative. Die bloße Vorstellung, Gleichstellung könnte die eigene Überlegenheit zum Einsturz bringen, reicht aus, um Abwehrmechanismen auszulösen. Genau in dieser Empfindung treffen ökonomische Unsicherheiten, kulturelle Verwerfungen und politische Mobilisierung aufeinander.

 

Ich frage mich gleichzeitig, ob die URSACHEN dieser Krisenzeiten nicht mehr oder weniger absichtlich herbeigeführt und geschürt werden, um Ängste vor Überforderung und Anarchie zu steigern, die wiederum die Sehnsucht nach starker MÄNNLICHER Führung befeuern...

 

Autoritäre Bewegungen haben diese Unruhe schon sehr früh verstanden und in ihr politisches Kalkül aufgenommen. Sie präsentieren sich als Anwälte „traditioneller Werte“, die vermeintlich durch zu viel Freiheit, Feminismus, Liberalität und „Gender-Ideologien“ bedroht seien. Dass die oft beschworene Tradition in Wirklichkeit ein illusionäres Konstrukt ist, interessiert dabei kaum; entscheidend ist, dass sie Halt verspricht. Ein Gesellschaftsentwurf, der auf Hierarchie beruht, ist stabilisierender als ein Gesellschaftsentwurf, der Gleichberechtigung verwirklichen möchte – zumindest für jene, die bisher an der Spitze der Hierarchie standen und ihre Macht nicht wieder hergeben wollen.

 

Rassisten, misogyne Incels & Tradwifes

 

Damit wird verständlich, weshalb sich weltweit eine Rhetorik der Stärke, der "Reinheit" (z.B. weiß oder zumindest "reinrassig") und der „wahren Ordnung“ durchsetzt: Sie bedient nicht nur politische Wünsche, sondern tieferliegende psychologische Bedürfnisse: Sehnsucht nach Stärke, Würde, Orientierung und idealerweise soll sich daraus die eigene natur- oder gottgegebene Überlegenheit erklären. Packt man noch etwas GOTTGEGEBENES mit hinein, bedient man auch noch die Sehnsüchte der Religiösen.

 

Und an den Rändern dieser Strömung wachsen jene Phänomene, die man leicht als Randgruppen abtun könnte, die aber in Wahrheit Ausdruck desselben Grundkonflikts sind: Incel-Ideologien, digitaler Frauenhass, Verschwörungsmythen rund um „Gender“, religiöse Reinheitsbewegungen, Angriffe auf reproduktive Rechte und die erstaunliche Bereitschaft mancher Männer, demokratische Institutionen zugunsten „starker Führung“ aufzugeben.

Dies wird noch gesteigert, indem man pauschal die Legitimation und Glaubwürdigkeit von nicht-regierungs Organisationen (NGOs) in Frage stellt, deren Aufgabe irgend etwas mit der Beseitigung sozialer Ungerechtigkeit, Pressefreieheit, Umweltschutz oder queeren Rechten zu tun hat. 

 

 

Warum das Patriarchat jetzt zurückschlägt

 

Das Patriarchat – also das kulturelle und politische System, das Männern systematisch Vorteile verschafft – hat sich jahrtausendelang nicht rechtfertigen müssen. Seine Grundlagen wurden religiös, biologisch oder moralisch begründet und blieben damit einer breiten Diskussion immer schön entzogen. 

 

Seit Anfang dieses Jahrtausends  aber wird es zum ersten Mal in der Geschichte breiter Gesellschaften nicht nur hinterfragt, sondern sichtbar ersetzt: durch Gleichstellungspolitik, durch wirtschaftliche Teilhabe, durch veränderte Rollenbilder und durch eine Generation junger Menschen, die Macht nicht länger automatisch mit Männlichkeit assoziiert.

 

In der Politikwissenschaft wird dieses Phänomen als „Cultural Backlash“ beschrieben: Wenn eine Gesellschaft sich modernisiert, gibt es Gruppen, die den Eindruck haben, dass ihnen etwas genommen wird, obwohl sie in Wahrheit nur lernen müssen, Macht zu teilen.

 

Und genau an dieser Stelle setzen autoritäre Versuchungen an: Sie versprechen eine Rückkehr zur alten Ordnung, in der Männer selbstverständlich den Ton angegeben haben. Der Verweis auf „natürliche Rollen“ ist dabei kein Argument, sondern ein Gefühl – eines, das viele Menschen als Entlastung empfinden, weil es die Komplexität der Gegenwart reduziert.

 

Hinzu kommt eine DIGITALE Öffentlichkeit, die von Verunsicherung, Orientierungslosigkeit und Empörung lebt. Algorithmen belohnen nicht die sachlichsten Stimmen, sondern jene, die die stärksten Emotionen auslösen – und kaum eine Emotion lässt sich so zuverlässig erzeugen wie Wut auf feministische, progressive oder liberale Positionen. Das Aufbäumen des Patriarchats ist deshalb nicht nur ein kulturelles, sondern auch ein medientechnisches Phänomen.

 

Was auf dem Spiel steht

 

In Wahrheit handelt es sich bei all dem nicht um einen Nebenkriegsschauplatz, sondern um den Kern unserer politischen Zukunft. Gleichberechtigung ist kein „Luxusprojekt“ progressiver Milieus, sondern eine Voraussetzung für stabile Demokratien. Wo Frauen entrechtet werden, wird die Zivilgesellschaft geschwächt, die Vielfalt eingeschränkt und die Macht konzentriert.

 

Wo Geschlechterideologien zur Abwertung genutzt werden, folgt fast immer auch die Abwertung anderer Gruppen: ethnischer Minderheiten, sexueller Orientierungen, Andersgläubiger, politischer Gegner.

 

Das Patriarchat verteidigt sich deshalb nicht nur gegen die Emanzipation der Frauen, sondern gegen die Ausweitung von Gerechtigkeit insgesamt. Es propagiert, oft unbewusst, das Recht des Stärkeren – und das meint eben nicht nur körperliche Stärke, sondern die Bündelung von Ressourcen, Machtpositionen, politischem Einfluss, Eigentum und medialer Reichweite.

 

Das Ergebnis ist vorhersehbar: Reiche werden reicher, Mächtige mächtiger, und viele Männer finden das verlockend, weil es ihnen eine vermeintliche Rückkehr zu Selbstwirksamkeit und Überlegenheit verspricht. Doch diese Rechnung geht nicht auf.

 

Warum Gleichstellung auch Männern nutzt – und warum sie gesellschaftlich notwendig ist

 

Es ist leicht zu sagen, Gleichstellung sei ein moralisches Gebot. Sie ist auch ein zivilisatorisches Projekt, das keine Verlierer kennt, wenn es gut umgesetzt wird. Denn Männer profitieren – häufig ohne es zu ahnen – von einer Welt, in der Rollen nicht mehr eng definiert sind.

 

Sie profitieren von Frauen, die ökonomisch mittragen. Von Beziehungen, die nicht auf Abhängigkeit beruhen. Von Familienmodellen, die Lasten verteilen. Von Berufen, die Fürsorge und Kommunikation nicht als „unmännlich“ abwerten. Von einer Gesellschaft, die Konflikte nicht über Stärke löst, sondern über Verständigung und Partnerschaft, statt Gegnerschaft. 

 

Partner schwierig, Gegner leicht

 

Evolutionär und historisch haben Männer gelernt, sich in Konkurrenzkämpfen durchzusetzen. Das fällt ihnen daher pauschal gesagt leichter, als die Kulturleistung einer echten Partnerschaft auf Augenhöhe. Leider ist auch heute noch oft zu beobachten, dass sie attraktiven weiblichen Gesprächspartnerinnen intellektuell nicht folgen können, weil sie sich offensichtlich in alten (triebgesteuerten?) Mustern verfangen und dass sie einfach keine Lust haben, sich zusammenzureißen.

 

Schauen wir auf die skandinavischen Länder, bei denen es den Männern seit Jahrhunderten bereits gelingt, Frauen als gleichberechtigt wahrzunehmen. Weltweit stehen sie wirtschaftlich und sozial am besten da - und subjektiv halten sich skandinavische Bürger für die glücklichsten. 

 

Es ist kein Zufall, dass Gesellschaften mit hoher Gleichstellung zugleich diejenigen sind, die am besten mit ökologischem Wandel, sozialer Inklusion und technologischem Fortschritt umgehen können. 

 

Echte Gleichstellung bedeutet, Macht nicht zu missbrauchen, sondern zu begreifen, dass es dem männlichen Individuum besser geht, wenn es allen besser geht. Es geht um eine Haltung, die Stärke nicht mit Dominanz verwechselt, sondern mit Verantwortung. Das setzt natürlich auch ein gewisses allgemeines Bildungsniveau voraus - und oh Wunder - das ist in den skandinavischen Ländern auch top.

 

Das klassische Patriarchat ist davon weit entfernt – und vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum sein Aufbäumen heute so laut ist: Es spürt, dass seine Logik in einer Welt, die auf Kooperation, Bildung, Nachhaltigkeit und globale Vernetzung angewiesen ist, nicht mehr funktioniert.

 

Das Patriarchat ist unvernünftig 

 

Wenn wir das gegenwärtige Aufbäumen des Patriarchats verstehen wollen, sollten wir nicht auf die Oberfläche politischer Schlagzeilen blicken, sondern auf die tiefere kulturelle Erschütterung, die darunter liegt. Das Patriarchat verteidigt sich nicht, weil es moralisch überlegen wäre, sondern weil es historisch an Bedeutung verliert. Es beruht auf dem Recht des Stärkeren – körperlich, ökonomisch und sozial –, und genau diese Logik ist es, die unsere Gesellschaften verletzlich macht.

 

Der Weg nach vorn liegt nicht in Rückschritten zu kruden, vermeintlich alten Ordnungen, sondern im Mut, Gleichstellung als Grundlage einer zukunftsfähigen Gesellschaft zu denken und sich an den skandinavischen Ländern ein Beispiel zu nehmen, die prosperieren.

 

Denn am Ende nützt sie nicht nur den Frauen, sondern uns allen: Sie eröffnet Möglichkeiten, befreit Talente, reduziert Gewalt und schafft jene soziale Stabilität, die autoritäre Systeme nur vorgaukeln, aber nie herstellen können. Und in diesem Sinn ist die Gleichstellung nicht nur eine politische Forderung – sie ist die überzeugendste Form kollektiver Vernunft.


Screenshot: Fundstück LinkedIn am 06.12.2025
Screenshot: Fundstück LinkedIn am 06.12.2025