Ziz – Die dritte Gestalt der Macht: Wie digitale Netzwerke unsere Wirklichkeit ordnen
Warum wir drei "Ungeheuer" brauchen, um die Ungeheuerlichkeiten der Gegenwart zu verstehen
Wenn man heute über Macht, Politik und digitale Gesellschaft spricht, greift man automatisch zu Begriffen wie Algorithmen, Plattformen, Datafizierung, Aufmerksamkeitsökonomie. Doch das Grundproblem, das sich dahinter verbirgt, ist alt: Wie schaffen Menschen Ordnung in ihrer Welt, um darin besser leben zu können? Und was geschieht, wenn diese Ordnung umschlägt – in Gewalt, Chaos oder subtile Kontrolle?
Schon frühe politische Denker versuchten diese Frage zu beantworten und wählten dafür eine drastische Bildsprache. Sie griffen auf mythische Ungeheuer zurück, nicht um zu übertreiben, sondern weil politische Macht in ihren Augen etwas zutiefst Ambivalentes war. Der Staat kann schützen und zerstören. Die Gesellschaft kann heilen und verwirren. Und moderne Technologien können befreien und zugleich entmündigen.
Um diese Ambivalenz begrifflich fassen zu können, lohnt ein Blick auf zwei Klassiker: Thomas Hobbes und Franz L. Neumann. Beide schufen ikonische Figuren der Politischen Philosophie – den Leviathan und den Behemoth – und beide taten dies nicht zufällig, sondern vor dem Hintergrund dramatischer historischer Umbrüche.
Und heute, im digitalen Zeitalter, braucht diese Linie meines Erachtens eine dritte Gestalt: den Ziz, das Himmelswesen aus der hebräischen Mythologie*, das uns ermöglicht, jene neue Form von Macht besser zu verstehen, die nicht mehr von Staaten oder Massen ausgeht, sondern von Infrastrukturen und Netzwerken.
Hobbes’ Leviathan-Paradox: Ein totalitäres Ungeheuer als Garant des Friedens?
Thomas Hobbes schrieb seinen „Leviathan“ 1651, mitten im Entsetzen des Englischen Bürgerkriegs. England war zerrissen, König und Parlament führten Krieg, religiöse Gruppen bekämpften einander, Nachbarn misstrauten Nachbarn.
Hobbes erlebte diese Gewalt nicht theoretisch, sondern existenziell. Für ihn war klar: Wenn es keine machtvolle politische Ordnung gibt, verfallen Menschen in einen Zustand, den er eindringlich als „Krieg aller gegen alle“ beschrieb.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum Hobbes den Staat als furchteinflössendes „Monster“ darstellte. Zur Veranschaulichung wählte er die Figur des Leviathan, einem riesigen Seeungeheuer aus der Bibel, das Gewalt verkörpert.
Hobbes wählte dieses Bild bewusst, um zu zeigen: Nur ein Staat, der stark genug ist, Angst zu erwecken, kann den Bürgerkrieg dauerhaft beenden. Das Ungeheuer ist also nicht der Feind der Menschen, sondern ihr paradoxes Rettungsinstrument. Der Staat muss größer, kraftvoller und mächtiger sein als alle Einzelnen zusammen, damit Frieden herrscht.
Dies erinnert an die groteske Aufrüstung der Blockstaaten im Kalten Krieg, um eben einen heißen Krieg zu verhindern. Und weitere aktuelle Assoziationen kommen einem in den Sinn.
Die zentrale Idee lautet: Menschen übertragen ihre Macht auf ein künstliches Wesen – den Staat –, der sie im Gegenzug schützt. Hobbes war sich durchaus bewusst, dass dieses Wesen immer eine doppelte Natur hat. Es garantiert Ordnung und kann gleichzeitig zur Bedrohung werden, wenn es seine Macht missbraucht. Das Ungeheuer ist notwendig, aber riskant. Leviathan steht damit für eine Form totaler Macht, die von oben ausgeübt wird: sichtbar, zentralisiert und physisch durchsetzbar.
Der Begriff "Monster" zur Beschreibung des Leviathans scheint mir heutzutage nicht ganz glücklich gewählt, weil man mit ihm reine Bösartigkeit assoziiert. Besser erscheint mir die Assoziation mit einem gewaltigen "Drachen", der vernichtend zerstörerisch wirken kann, aber nur, wenn man ihn reizt - der ansonsten aber friedlich und vielleicht sogar freundlich bleibt.
Neumanns "Behemoth": Das Ungeheuer der entfesselten Gesellschaft
Drei Jahrhunderte später, mitten im Exil und in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, schrieb Franz Leopold Neumann sein Standardwerk Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933–1944. Dieses Buch ist weniger ein Urteil über politische Tyrannei, sondern die Analyse eines grotesken politischen Systems, das gerade nicht durch einen strukturierten, überlegenen Staat geordnet wurde. Neumann beschreibt den nationalsozialistischen Staat als einen Zustand, in dem die formalen Strukturen staatlicher Gewalt zwar existierten, ihre normative und rechtliche Autorität jedoch zusammengebrochen war. ("Nicht-Staat").
Der „Behemoth“ steht für einen Zustand, in dem Gesetz, Recht und Bürokratie nicht mehr als ordnende Kräfte wirken, sondern als zersetzende: eine Vielzahl rivalisierender Gruppen und Interessen, die die Institutionen unterminieren. In diesem Modell ist nicht ein dominanter Souverän die Quelle von Ordnung, sondern das Fehlen von wirklicher Ordnung, das politische, soziale und institutionelle Chaos schafft. Wo Leviathan eine hierarchisch strukturierte Macht symbolisiert, zeigt Neumann mit Behemoth eine Gesellschaft, deren formale Ordnung sich in faktische Zersplitterung, Machtkämpfe und herrschaftliche Konkurrenz auflöst.
Dem potentiell totalitären Staat (Leviathan) stellt er die totalitäre nationalsozialistische Bewegung als Behemoth entgegen.
Diese Perspektive eröffnet einen entscheidenden Unterschied zur klassischen staatstheoretischen Lesart: Nicht der starke Staat, sondern die Auflösung gemeinsamer Ordnungsmuster macht eine Gesellschaft verwundbar gegenüber Gewalt, Irrationalität und totalitären Dynamiken.
Und ich finde die Aktualität dieser Analogie gerade in Bezug auf die jüngsten Vorgänge, nicht nur in den USA, sondern auch bei uns, extrem erschreckend.
Das nächste Ungeheuer: Ziz
Bis heute prägen Leviathan (Staat) und Behemoth (Gesellschaft) unser Denken über Macht. Doch die heutigen Dynamiken lassen sich damit nur teilweise erklären. Globale Digitalisierung, Plattformökonomien und algorithmische Steuerung verschieben die Machtverhältnisse. Sie erzeugen eine sonderbare Form von struktureller Gewalt, die weder staatlich erzwungen noch massenpsychologisch entfesselt ist, sondern infrastrukturell zunächst harmlos gewachsen.
Menschen werden nicht unterworfen oder demagogisch verführt, sondern vorgeformt – durch technische Bedingungen, die sie kaum bemerken. Die Frage lautet daher nicht mehr nur, wer herrscht, sondern wie Wirklichkeit geordnet wird, bevor Menschen überhaupt handeln. Und ob sie überhaupt noch ins Handeln kommen wollen.
Für diese neue Machtform braucht es eine dritte Figur.
Ziz: Das Himmelswesen als Bild einer unsichtbaren Macht
Die hebräische Mythologie kennt ein drittes Urwesen neben Leviathan (Meer) und Behemoth (Land): den Ziz*, ein Vogel von gigantischer Größe, dessen Flügel das Firmament beschatten und der dem Element Luft zugeordnet wird. Dieses Bild wirkte auf mich analytisch extrem reizvoll.
Während Leviathan für staatliche Ordnung steht und Behemoth für gesellschaftliches Chaos, verkörpert Ziz eine Macht, die über beiden schwebt: leicht, unsichtbar, atmosphärisch allgegenwärtig - und möglicherweise verdunkelnd anstatt erhellend..
Übertragen auf die Gegenwart, also den Beginn des Dritten Jahrtausends, ist Ziz die Macht der digitalen Infrastruktur, also der weltumspannenden Netze, Plattformen, Datenströme und algorithmischen Systeme, die unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit, unsere Kommunikation und unsere Möglichkeiten arrangieren.
Ziz ist kein Akteur. Er ist kein Diktator, kein Mob, keine Partei. Seine Macht entsteht aus sich selbst als netzwerkartiger Struktur, die exponentiell wächst und Abhängigkeiten schafft. Sie ist nicht repressiv, sondern mehr oder weniger subtil vorbereitend. Nicht gewaltsam, sondern verführerisch. Nicht sichtbar, sondern omnipräsent.
Digitalisierung schafft eine neue Totalität, die keine Gewalt ausübt und keine Propaganda braucht, sondern Realität filtert, sortiert und modelliert, bevor Menschen sie wahrnehmen.
Wie Ziz wirkt: Die stille Transformation der Wirklichkeit
Der Einfluss digitaler Systeme liegt im Unsichtbaren: in den Sortier- und Rankingmechanismen von Plattformen, in der Personalisierung von Informationsflüssen, in der Vorhersage und Optimierung menschlichen Verhaltens. Dadurch entsteht eine Art unsichtbare Rahmenordnung.
Neue Normen und Werte?
Menschen fühlen sich frei, doch sie bewegen sich in einer vorstrukturierten Welt, die ihnen das Gefühl von Ordnung suggeriert und ihre Grundprogrammierung vermittelt den Eindruck, als wäre alles darauf ausgerichtet, um die Menschen glücklich zu machen, während die Menschen gar (mehr) nicht wissen, was sie glücklich macht. **
Leviathan kontrolliert durch Zwang. Behemoth kontrolliert durch Erregung. Ziz kontrolliert, indem er (oder sie?) vorgibt, was überhaupt sichtbar und für das Individuum erreichbar ist. Diese Form der Macht funktioniert über Wahrscheinlichkeiten, nicht über Befehle. Sie verändert kein Verhalten direkt, sondern den Raum des Möglichen. Damit stellt sie auch eine neue Art des Radikalen Konstruktivismus dar, ein Thema, auf das ich zu gegebener Zeit zurückkommen werde.
Warum diese Trias heute relevant ist
Das Modell Leviathan–Behemoth–Ziz erlaubt, die Gegenwart klarer zu sehen. Es macht verständlich, dass digitale Macht weder staatliche Tyrannei noch soziale Verwilderung ist, sondern eine dritte, sagen wir mal ätherische Qualität und wenn man es zuspitzen möchte, könnte man von ätherischer Gewalt sprechen. Sie entsteht durch technische Medien der Ordnung, die zwischen Menschen treten und ihre Weltbeziehungen neu strukturieren.
Bisher haben Menschen ihre Beziehungen in der realen Welt untereinander verhandelt. Medien wurden nur als Mittler/Übermittler benutzt. Nun hat sich das Instrument verselbständigt, etwas Körperloses hat sich manifestiert, das ist bezaubernd und schauderhaft zugleich.
Für die Frage demokratischer Freiheit heißt das: Freiheit kann heute eingeschränkt werden, ohne dass jemand befiehlt oder verführt. Sie wird eingeschränkt, wenn die Wirklichkeit selbst verengt, verzerrt oder modelliert wird. Digitale Kompetenz bedeutet daher nicht nur, Medien zu „verstehen“, sondern die eigenen Zugänge zur Welt kritisch zu reflektieren und zu hinterfragen, wer hier modelliert und zu welchem Zweck.
Noch können wir schlussfolgern, dass der Zweck ausschließlich Konsumfreude und damit Profit ist, also außerordentlich kapitalistischer Natur.
Die neue Frage der Aufklärung
Die Aufklärung fragte: Wer herrscht über uns? Das 20. Jahrhundert fragte: Wodurch werden wir verführt?
Das 21. Jahrhundert muss fragen: Wie wird die Welt geordnet, in der wir handeln und haben wir noch gestalterische Handlungsfreiheit oder reagieren wir nur noch?
Leviathan und Behemoth beschreiben weiterhin zwei mächtige Kräfte. Doch erst mit Ziz lässt sich jene dritte, unsichtbare Macht (Force) verstehen, die durch digitale Strukturen entsteht und unser Weltverhältnis prägt. Sie ist weder ein Ungeheuer im klassischen Sinn noch ein Dämon, sondern eine Herausforderung: Wie wir Menschen die Orientierung nicht verlieren in einer Welt, deren Ordnung zunehmend von selbstlernenden technischen Systemen bestimmt wird.
* Zu den drei kosmischen Urwesen der jüdischen Tradition vgl. die biblischen und rabbinischen Hauptquellen: Leviathan erscheint in Hiob 3,8; 40–41; Ps 74,14; Ps 104,26 sowie Jes 27,1 als chaotisches Seeungeheuer, das zugleich Gottes Macht über die Urfluten symbolisiert.
Behemoth wird im Buch Hiob 40,15–24 als riesenhaftes Landwesen beschrieben, dessen Kraft die Grenzen menschlicher Kontrolle verdeutlicht. Die
rabbinische Literatur erweitert diese beiden Gestalten um das dritte Urwesen, Ziz, einen vogelartigen Himmelsriesen, dessen Schwingen „von einem
Ende der Welt zum anderen“ reichen und der in Baba Batra 73b–74a als himmlisches Gegenstück zu Leviathan (Meer) und Behemoth (Land) erscheint.
Alle drei Figuren fungieren in der jüdischen Mythologie als Grenzmarker der Schöpfung, deren Überwältigung in der Endzeit die vollkommene Offenbarung göttlicher Macht
anzeigt.
Für eine deutsche Übersetzung der rabbinischen Texte vgl. Lazarus Goldschmidt (Hg.): Der Babylonische Talmud, Bd.
Baba Batra, Berlin 1929–1936.
** hierzu empfiehlt sich übrigens sehr die Rezeption des Serie "Pluribus" auf Apple TV+
