Michelin: Die Mutter des Content Marketings

 

Die französischen Brüder André und Édouard Michelin stellten Reifen her und wollten Ende des 19. Jahrhunderts ihre Klientel besser auf ihr Produkt aufmerksam machen. 

 

1900 veröffentlichten sie erstmals den Guide Michelin., einen kostenlosen Reiseführer für Autofahrer mit Straßenkarten, Werkstätten- und Restauranttipps, um die Mobilität zu fördern und so den Absatz von Reifen zu steigern.

 

Als der Guide Michelin 1900 erstmals erschien, befand sich das Automobil noch in der Frühphase. In ganz Frankreich gab es schätzungsweise weniger als 3.000 Autos. Straßen waren schlecht ausgebaut, Beschilderungen rar, Pannen häufig.

 

Autofahren war ein Abenteuer – und genau hier setzte Michelin strategisch an.

Die Brüder verfolgten ein klares wirtschaftliches Kalkül:

 

Mehr Autofahrten → mehr Reifenverschleiß → mehr Reifenabsatz.

 

Ab etwa 1920 wurde der Guide kostenpflichtig und für circa 7 Franc käuflich zu erwerben. Auch, weil sie merkten, dass bei ihren Kunden nur etwas als wertvoll galt, wenn es etwas kostet. Das Gratisexemplar lag zwar in den Werkstätten und auf den Armaturen herum, wurde daher unbewusst ständig wahrgenommen (vgl. "Mere Exposure Effekt"), aber nicht wirklich als wertgeschätzt. Sie hatten beobachtet, dass er oft einfach nur als stabile Unterlage genutzt worden war.

 

Restaurant- und Hotelbewertungen nahmen ab den frühen 1920er-Jahren an Bedeutung zu, und 1926 führte Michelin das heute bekannte Sterne-System zur Auszeichnung ausgezeichneter Restaurants ein. 

 

Der Guide war damit kein altruistisches Kulturprojekt, sondern ein hochmodernes Content-Marketing-Instrument, bevor es den Begriff überhaupt gab. 

 

Bilder/Collage: privat