Schon bevor Australien das Social Media Account-Verbot für unter 16-Jährige beschlossen hat, war klar, wie schädlich exzessiver Medienkonsum für Kinder und Jugendliche ist. Sämtliche Experten sind sich einig, dass er im Rahmen des Jugendschutzes stärker reguliert werden muss, mindestens genauso wie Tabak und Alkohol. Aber mit einem solchen Gesetz sind die Eltern und Großeltern noch nicht aus dem Schneider.
Nehmt den Jugendlichen die Angst vor dem REAL LIFE (RL)
Durch Einschränkung oder Weglassen von Social Media erholen sich Minderjährige psychisch und physisch in kurzer Zeit messbar. Sie sind ohne Social Media plötzlich weniger einsam, weniger depressiv und weniger ängstlich - also GLÜCKLICHER.
Die, die bereits süchtig sind, verhalten sich wie Junkies auf Entzug, sobald man ihnen ihren Stoff vorenthält oder dies auch nur vorschlägt.
Man kann sie nicht zum Entzug zwingen – sie finden sofort Wege, sich das Zeug illegal zu besorgen – aber je öfter sie ihr virtuelles Kinderzimmer freiwillig verlassen, desto stärker verbessert sich auch ihre Kommunikationsfähigkeit, also die Fähigkeit, miteinander in Beziehung zu treten. Das ist familiär erstrebenswert und auch gesellschaftlich langsam höchste Eisenbahn.
Schulkinder erzählen, dass sie erstmals ihre Klassenkameraden wahrgenommen haben und sogar junge Erwachsene berichten freudig überrascht, wie viel besser sie sich konzentrieren können und wie viel mehr sie schaffen. Ob es wohl einen Zusammenhang zwischen dem allgemeinen Medienkonsum von 15-Jährigen und ihrem Abschneiden im Rahmen der PISA-Studien gibt?
Eltern knicken schnell ein, denn in ihrem virtuellen Kinderzimmer sind sie immerhin still, friedlich und nerven nicht. Und Eltern möchten so gern glauben, ihre Kinder hätten es im Griff. Die meisten haben das auch, aber es werden immer weniger, wie man an den Depressions-Statistiken sehen kann.
Raus aus dem virtuellen Kinderzimmer - rein ins wahre Leben
Der eklatante Orientierungsmangel betrifft nicht nur die Kinder der ersten Digital Natives, wir sollten also nicht bloß auf die Generation Smartphone und die kommende Generation KI schauen. Es betrifft auch deren Eltern und überhaupt alle, die nicht mit beiden Beinen in der realen Welt stehen und nicht gelernt haben, was diese Welt im Innersten zusammenhält (Spoiler: soziale Beziehungen).
Wenn Menschen, bzw. ganze Bevölkerungen nicht mehr wissen, wo es langgeht, wächst die Sehnsucht nach jemandem, der einen an die Hand nimmt oder gar nach einem starken Führer. Man sucht im Netz nach Leitbildern oder zumindest Brüdern und Schwestern im Geiste und findet sich dort in Echokammern und Filterblasen wieder, die von (ungelernten) Meinungsbildnern/Influencern beherrscht werden, die ihr Halbwissen dort hineinblasen und einfach mit billigem, populistischen Beigaben mischen, damit ein künstliches Cyberopium entsteht, das einen immer wieder bestätigt und damit süchtig macht und aufputscht. Dies verursacht wiederum eine größere Reichweite, damit die Influencer und Manipulatoren a) mehr Geld verdienen und b) ihre Follower das wählen, was sie vorschlagen, egal ob Produkte oder Kandidaten. (Die "Wolf of Wallstreet"-Analogien der algorithmischen Marktlogik sind eine andere Geschichte und werden ein anderes Mal erzählt).
Orientierungslose sind also ein gefundenes Fressen für die Werbungtreibende Wirtschaft und Demagogen, die anti-demokratische Machtinteressen verfolgen. Wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, weiß, wohin das führen kann und wer nicht aufgepasst hat, weiß es nicht. Das Wissen über den Nationalsozialismus, den zweiten Weltkrieg und den Holocaust wird immer kleiner und das gesellschaftspolitische Klima gegen Minderheiten immer eisiger.
Wen wundert es dann noch, dass sich Menschen trauen, laut zu sagen, dass sie Kinder im Mittelmeer “absaufen” lassen wollen. So etwas wäre früher gesellschaftlich geächtet worden. Heute nicken deren Anhänger zustimmend und die Gegner zucken mehrheitlich mit den Schultern.
Mit der WERTEBILDUNG ist einiges schief gegangen. Das gilt übrigens nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern ebenso für Erwachsene. Die Eltern der jetzigen Jugendlichen sind nämlich nicht unbedingt gute Vorbilder, weil sie selbst zum großen Teil mediensüchtig sind und dabei ihren Erziehungsauftrag aus den Augen verloren haben.
Alte Eisen und rote Fäden, die herausführen
Bis zum Alter von 25 Jahren bildet sich das Frontalhirn aus. Alle, die also ungefähr bis zum Jahr 2000, als das Internetzeitalter in Deutschland Fahrt aufnahm, schon 25 Jahre alt waren, sind dementsprechend also noch Internet-frei aufgewachsen und deren Erziehung und Wertebildung fand noch analog, in der realen Welt statt, in realen Familien und Freundeskreisen statt und zwar im persönlichen Gespräch, beim Spielen und an der frischen Luft.
Wer also im Jahr 2025 grob gesagt über 40, 45, 50 Jahre alt ist und nicht selbst mediensüchtig, kann den Jungen helfen, ihre Angst vor der Realen Welt zu mildern. In Zeiten von Krieg, Klimawandel und Korruption ist es absolut angebracht, sich Sorgen zu machen, aber es besteht kein Grund, Angst vor dem Leben an sich zu haben.
Die Alten können den Jungen das REAL LIFE (RL) und die Reale Welt wieder schmackhaft machen, weil sie noch wissen, wie das geht. Das ist wichtig, damit Digital Natives nicht weiter im Netz nach Lösungen suchen und dabei immer tiefer in eine virtuelle Realität abrutschen, in der Polarisierung, Desinformation, Manipulation, Konsumrausch, Fakenews, Mobbing, Hass und Hetze, Grooming, Dickpicks, Erpressung, schädliche Schönheitsideale, explodierender Frauenhass und galoppierende Verdummung für sie zur Normalität geworden sind. Diese Pseudo-Normalität in ihrer Presudorealität taugt ganz und gar nicht für Normen, die einem Stabilität geben. Kein Wunder, dass Depressionen, Angststörungen und Zukunftsangst zunehmen.
Und wer hat etwas davon? Qui bono? Siehe oben: Werbetreibende und Demagogen. Deren Produktlebenszyklus schließt sich perfekt.
2025 ist die psychische Stimmungslage weitaus schlechter als nach dem Krieg. Obwohl wir keinerlei Mangel leiden, sondern im Überfluss. Ja, bei einigen kommt die Fülle nicht an. Dass Menschen in der drittreichsten Volkswirtschaft der Welt und der reichsten Europas an den Tafeln und Suppenküchen anstehen müssen, ist in der Tat ein Zeichen, das die Regierung bewegen sollte, ihre Politik zu ändern.
Tatsächlich wäre es klug von der aktuellen Bundesregierung, Social Media Accounts für unter 16-Jährige zu verbieten, denn damit werden die Eltern in die Pflicht genommen, ihren Erziehungsauftrag auch in der virtuellen Realität ihrer Kinder wahrzunehmen.
Neuer, moderner Konservatismus gibt Stabilität und Sicherheit
Dennoch schlage ich einen gewissen Konservatismus vor, der helfen kann, sich auf universelle Werte zu besinnen, die gut tun, weil sie ihnen Orientierung und Sicherheit bieten.
Werten und Normen sind gesellschaftliche Verkehrsregeln, anhand derer Menschen unfallfrei in der Welt miteinander umgehen.
Diese Werte und Normen sind in den letzten Jahren verloren gegangen, deshalb sind auch ältere Menschen orientierungslos und sehnen sich zurück nach den Zeiten, als Werte und Normen ihnen noch Sicherheit und damit auch Selbstbewusstsein gaben.
Viele traditionelle, eigentlich universelle Werte sind nicht nur verlorengegangen, sondern wurden pervertiert, wie man an Person, Stil und Erfolg Donald Trumps erkennen kann:
Lügen, Unhöflichkeit, Pussygrabbing, Selbstereicherung, Selbstbeweihräucherung, Faseln, Vordrängeln, sich über Behinderte lustig machen, Einschüchterung, Geldverschwendung, Korruption, schlechter Geschmack, lächerliche Frisur und über Verstorbene Schlechtes zu sagen, sind inzwischen in den USA hoffähig geworden. Vielleicht ist sogar Sex mit Minderjährigen dort kein Grund mehr, sozial geächtet oder gar juristisch bestraft zu werden. Kriminell zu sein ist offenbar nicht nur nichts mehr, für das man sich schämen müsste, im Gegenteil, die Kriminellen verhöhnen die Ehrlichen und geben ihnen das Gefühl, die Dummen zu sein.
Alle zu Tisch!
Ein Möbelstück kann tatsächlich dabei helfen, Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen Werte zu vermitteln und damit in aller Bescheidenheit die ganze Welt zu retten: Der Esstisch.
Wenn man sich in die Augen sieht, Argumente mündlich in Echtzeit austauscht und dabei etwas Schönes zu essen und zu trinken hat, ändert sich alles.
Im persönlichen Gespräch können sich keine radikalen, hasserfüllten, dogmatischen Positionen durchsetzen. Wer andere aussprechen lässt, zuhört und Argumente in freundlicher Atmosphäre miteinander gegeneinander abwägen kann, kann am Ende des Tages auch souverän und ohne Gesichtsverlust sagen: Wir sind uns einig, dass wir uns nicht einig sind - ohne Vergewaltigungsfantasien und Morddrohungen auszusprechen.
Kultivierungstornado statt Verrrohungsstrudel
In einer überalterten Gesellschaft, in der viele eine Einbauküche für 30.000 Euro besitzen und gerade überlegen, ob sie sich ein Wohnmobil für 80.000 Euro kaufen, möchte ich vorschlagen, dass diese Menschen sich auf die universelle Tugend der Gastfreundschaft besinnen, Jugendliche einladen und ihnen idealerweise auch etwas zu Essen anbieten. Kinder und Jugendliche lieben es, zu essen und nach den kalten Stunden im feindlichen Cyberspace sind sinnliche Eindrücke, wie ein warmer Händedruck und ein köstliches Mahl der Schlüssel zum Glück.
Was essen Sie am liebsten? Die meisten Menschen nennen kein Gericht der gehobenen Küche, sondern das, was ihnen Omi vorsetzte. Nicht unbedingt die Rinderroulade war so köstlich, sondern das Ambiente und die Fürsorglichkeit der Großmutter, die Geborgenheit vermittelte. Das verbinden die meisten Menschen mit ihrer Lieblingsspeise.
Die Eingeladenen werden diese Geste zu schätzen wissen und nach allen Regeln der Höflichkeit reagieren, die sie (noch) kennen.
Wenn man dann so weit kommt und sogar gemeinsam oder abwechselnd für einander kocht, ist das verloren geglaubte Paradies wieder ganz nah.
Froh zu sein bedarf es wenig - Savoir Vivre und Ehrenamt
Die gute alte Tugend der Gastfreundschaft ist die Lösung für alle Probleme dieser Welt. Sie setzt eine Spirale aus Anerkennung, Dankbarkeit, Herzlichkeit, Offenheit, Zugewandtheit und aller Wahrscheinlichkeit nach auch so etwas wie Frohsinn in Gang.
Daraus ergibt sich die Chance, universelle Werte zu vermitteln, die Orientierung geben, Sicherheit und Selbstbewusstsein: Respekt, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Gewaltfreiheit, Fairness, Geduld, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Loyalität, Sauberkeit und Ordnung u.s.w.
Medienkompetenz ist Lebenskompetenz und Gastfreundschaft ist die Krone der Kommunikationsfähigkeit. Dabei nicht schaden können die berühmten Tischmanieren, die meines Erachtens in genau in dem Maße verloren gegangen sind, wie Fast Food und Social Media das Ruder übernommen haben.
Ich möchte nicht nur an erwachsene Privatpersonen, die in der analogen Welt aufgewachsen sind, appellieren, Kinder und Jugendliche an ihren Tisch zu bitten und mit ihnen zu essen, zu reden und Brettspiele zu spielen (bei denen man übrigens lernt, würdevoll zu verlieren, aber auch souverän zu gewinnen) sowie mit ihnen lesen zu üben, wodurch man die Fähigkeit trainiert, lange Sätze zu verstehen, sondern richte meinen Appell auch an kirchliche und weltliche Organisationen, die Räumlichkeiten, Tische und Stühle haben und sich möglicherweise über Mitgliederschwund ärgern.
Jemanden zum Essen einzuladen, ohne eine Gegeneinladung zu erwarten, ist m.E. die höchste und beste Form von ehrenamtlichem Engagement.




