Drei Herrschaftstypen: Max Weber 2.0

Emotionalbasierte Herrschaft durch Algotithmen gestärkt

 

Als Max Weber zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine berühmte Typologie legitimer Herrschaft formulierte, erklärte er sinngemäß, dass keine Herrschaftsform existieren kann, ohne dass sie von den Beherrschten akzeptiert wird und dass Menschen sich prinzipiell nur drei Herrschaftstypen unterordnen: 1. der Traditionellen, also alles, was wir unter Monarchie oder Dynastie kennen.  2. der Legal-Rationalen, z.B. unserer demokratischen Grundordnung, die auf einem Gesetzeskomplex beruht, der einzuhalten ist  und 3. der Charismatischen, verkörpert von Führerfiguren, die aufgrund von emotionaler Zustimmung regieren und so lange machen können was sie wollen, weil ihre Gesetzes- und Grenzüberschreitungen von niemandem geahndet werden. Grob gesagt.

 

(Militätjuntas und andere Unterdrückungssysteme gibt es auch, aber die sind eben nicht legitim, weil sie nicht vom Volk akzeptiert werden.)

 

Und unterstellt man, dass digitale Reichweite gleichzeitig gesellschaftliche und politische Akzeptanz boostet, werden wir die Populisten nicht los: Solange Wähler ihre politische Meinungs- und Willensbildung im Netz vollziehen, fühlen sie sich zu denen hingezogen, die große Reichweite haben und die Algorythmen bevorzugen populäre Inhalte, die sie nicht von populistischen Inhalten unterscheiden können.

 

Inwiefern die neue "charismatische Herrschaft" von Trump legitim ist, aber gleichzeitig illegal, soll hier erörtert werden. Vor allem, weil das populistische Charisma-Modell offenbar auch in Deutschland populär ist.

 

Herrschaft besteht laut Weber nicht allein aus Machtmitteln, sondern aus dem Glauben an ihre Berechtigung. Er fragte also nach der Begründung, warum Menschen bereit sind zu "gehorchen" und er kam zu dem Ergebis, dass Menschen sich nicht deshalb unterordnen, weil sie müssen, sondern weil sie glauben, dass sie sollen.

 

Die drei reinen Typen – traditionelle, charismatische und legal-rationale Herrschaft – waren für Weber keine historischen aufeinander im Rahmen der Zivilisiertheit folgende Stufen, sondern nur Werkzeuge, um diese drei Glaubens- und damit Zustimmungsformen voneinander zu unterscheiden. Mehr als hundert Jahre später hat sich die politische Landschaft verändert, doch Webers Kategorien wirken noch immer zeitlos aktuell, nur dass dem Dominanzanspruch der legal-rationalen Herrschaftsform der Gar aus gemacht wurde.

 

 

Die westlichen Demokratien der Gegenwart beruhen formal zwar weiterhin auf legal-rationaler Herrschaft: Wahlen, Verfassungen, Gewaltenteilung, Verwaltungsverfahren und Gerichte sind nicht verschwunden, im Gegenteil, sie sind komplexer, professioneller und rechtlich ausdifferenzierter denn je. Doch genau diese Herrschaftsform erscheint heute ausgehöhlter als jemals zuvor. Das Vertrauen in staatliche Institutionen sinkt, politische Prozesse erscheinen vielen Bürgerinnen und Bürgern als technokratisch und lebensfremd.

 

Die regelbasierte Ordnung funktioniert noch, aber sie tägt nicht mehr. Wie ein kaputtes Schiff, das keine einzige Belastung mehr verträgt. Weltpoltisich ist sie seit Trump II nur noch ein Geisterschiff und innenpolitisch dient vielleicht eher die Deutsche Bahn als Metapher für alles, das uns als typisch deutsche Regelfanatiker früher stolz machte und heute nur noch unrettbar peinlich ist.

 

Das Vertrauen in die deutsche legal-rationale Nachkiregs-Herrschaftsform schwindet - und damit ihre Legitimität: Vor wenigen Tagen erschien wieder eine Studie, in der ermittelt wurde, dass nur noch rund die Hälfte aller Bürger Vertrauen in die Demokratie hat.

 

 

In diese Lücke stößt der Dolch des Populismus. Er ist keine bloße politische Stilfrage, sondern reißt den Spalt auf und mach den Weg frei für eine Rückkehr "charismatischer" Herrschaft unter veränderten Bedingungen.

 

Populistische Akteure sind nur deshalb populär, weil sie nicht den umständlich profanen Weg durch die Institutionen gehen, auch nicht durch die Institution der Wahrheit, sondern sich ohne mühselige Umwege über den Verstand, direkt ins Gefühl hineinbohren. Massenmenschen fühlen sich dadurch nicht länger verunsichert, sondern spüren, wie sich ihr leeres Gefäß endlich mit dem süßen Wein eines erstarkten Selbstbewusstseins füllt, weil sie nun glauben zu verstehen, was tatsächloch Sache ist. 

 

Populisten schenken ihrem Publikum die Illusion von Klarheit, Nähe und moralischer Eindeutigkeit und bekommen im Gegenzug Zustimmung, also Legitimität. Sie halten sich selbst nicht mit komplizierten Abwägungen auf und muten dies auch nicht ihrem Publikum zu. Wie ein Trüffelschwein, eine Wünscherute oder ein Seismograph spüren Populisten den Massengeschmack auf und bedienen ihn blitzartig. U-Musik, statt E-Musik. Wo einst Katzenvideos Furore machten, herrschen nun Spannungen, Desinformation und Ressentiment. 

 

Sie inszenieren sich als unmittelbare Stimme „des Volkes“ und entwerten damit systematisch jene Institutionen, deren Sinn gerade in der Vermittlung, Verzögerung und Mäßigung politischer Macht liegt (Gewaltenteilung, Checks & Balances). 

 

 

Dabei ist das heutige "Charisma" durchaus immer noch an reale persönliche Präsenz und außergewöhnliche Taten gebunden. Diese werden medial verstärkt, milliardenfach reproduziert und dadurch stabilisiert. Anders als bei Weber muss dieses "Charisma" nicht mehr routinisiert werden, um zu überleben; es wird im Gegenteil durch permanente Erregung durch Disruption, Störung und Zerstörung am Leben gehalten. Aufreger, Skandale, Regelbrüche und Provokationen gefährden die "charismatische" Autorität nicht, sondern ernähren sie.

 

Hier wird klar, warum ich "Charisma" in Anführungszeichen setze, denn die positive Bedeutung des Begriffes, bei der man eher an den charismatischen Jesus Christus denkt, ist in diesem Zusammenhang nicht angebracht. Charisma ist bei Weber persönlich, emotional, außeralltäglich, instabil und abhöngig vom Glauben an Gefolgschaft. 

 

Und diese Gefolgschaft ist das, was wir heute Popularität nennen. Populär ist, was den Geschmack einer Zielgruppe, Publikum, Milieu oder Szene - und vor allem seine Sehnsüchte - bedient und Populismus nichts weiter als MASSENHAFTE politische Werbung, die auf die Sehnsüchte des Massenmenschen ausgerichtet ist – und dem gefällt alles, bei dem er nicht viel nachdenken muss. Dummerweise steckt in jedem von uns mehr oder weniger auch ein Massenmensch, deshalb garantiert diese Art der Ansprache stets die größtmögliche Reichweite und damit auch quantitativ größtmögliche Zustimmung. Und Reichweite ist wiederum die Garantin für Ruhm, Erfolg und Geld. 

 

Auch die Figur des populistischen Führers lebt nicht vom Erfolg kluger politischer Gestaltung, sondern ausschließlich von Aufmerksamkeit. In der Figur von Showmaster Donald Trump, der als Skandalclown jeden Tag nur Aufregung produziert, ist dies genau abzulesen. Auch seine Nachahmer sind leicht zu erkennen: Der eine frisst Fleisch, weil er glaubt, die Mehrheit der Deutschen damit von sich überzeugen zu können und der andere tritt Arme, Kranke, Alte, Fremde und jetzt auf Frauen ein, die zuwenig arbeiten, weil er glaubt, dass dies bei der Mehrheit der Massenmenschen gut ankommt. 

 

 

Und nun kommen die digitalen Algorithmen ins Spiel: Sie strukturieren in wachsendem Maße Wahrnehmung, Relevanz und Sichtbarkeit. Sie beeinflussen massiv, was erscheint, was verschwindet, was sich wiederholt und was für normal und erstrebenswert gehalten wird. Sie verstärken damit wiederum massengeschmackliche, "charismatische" Dynamiken, indem sie Reichweite mit Bedeutung verwechseln und Aufmerksamkeit zur Währung politischer Autorität machen.

 

Alogithmische Ordnung ist DIE Königsmacherin. 

 

Sie erzeugt eine neue Form von Gewohnheit, fast schon etwas Familiäres: das allmähliche Sich-Gewöhnen an bestimmte Diskurse, Empörungszyklone und Deutungsmuster. Und das allmähliche, vollständige Verschwinden von so umständlichen Werten wie Anstand, Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein, Disziplin, Integrität und letztendlich verschwindet damit natürlich auch das Schuldbewusstsein, wenn man dagegen verstößt.

 

So wird ein Zerrbild zum Vorbild, zum Idol

 

Gemäß dem Mere- Exposure-Effekts (vgl. Robert Zajonc) wird das, was die meiste Aufmerksamkeit erhält, am ehesten gewählt, egal ob im Supermarktregal oder in der Wahlkabine.

 

Was oft genug angezeigt wird, erscheint normal; was selten auftaucht, gilt als randständig oder irrelevant. Oder als feindlich und nur deshalb zerstörenswert. 

 

Das eigentlich Neue liegt jedoch nicht in der Macht der Algorithmen, sondern in ihrer Verantwortungslosigkeit.

 

In der Verbindung von populistischer Emotionalisierung und algorithmischer Verstärkung entsteht eine Dynamik, die die legal-rationale Ordnung strukturell schwächt. Politische Entscheidungen erscheinen unerträglich langsam gegenüber viralen Erregungen, juristische Verfahren hilflos gegenüber moralischer Empörung, demokratische Kompromisse unerquicklich gegenüber der Verheißung klarer Feindbilder.

 

Der Ruf nach „starker Führung“ ist in diesem Sinne ein autoritärer Reflex und gleichzeitig ein Symptom überforderter Orientierung.

 

 

Weber war skeptisch, was die Zukunft rationalisierter Gesellschaften betrifft. Er sah die Gefahr der „stahlharten Gehäuse“ ebenso wie die Verführbarkeit durch "charismatische" Erlösungsfiguren. Hier kann man ihm durchaus Prophetie zuschreiben. Doch er dachte auch noch, "charismatische Herrschaft" sei bloß ein temporärer Übergangszustand. Entweder müsse sie sich veralltäglichen oder verrechtlichen oder sie wäre sie zum Scheitern verurteilt.

 

Man könte der CDU unterstellen, dass sie aktuell netterweise die "charismatische" AfD verrechtlichen, indem sie sie sich einverleibt: Die Mittel die sie dafür einsetzt, um mehrheitlich Zustimmung für diese dadurch verrechtlichte AfD-like populistische Politik zu erhalten, sind wiederum populistisch, setzen also auf Vorurteile, Ressentiments und Feindbilder und Gefühle wie Rache, Ausgrenzung und das Recht des Stärkeren, also gerade nicht darauf, was die Gründungdsväter und -mütter der Bundesrepublik - nicht einmal die konservativen - im Sinn hatten. Das bürgerliche Lager aktzeptiert dies nicht und die populistisch-emotionalisierten Bürger bleiben lieber beim Original.

 

Was also stattdessen tun, um die legal-rationale Herrschaftsform und damit die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu erhalten, wenn sie doch nun einmal keine Zustimmung mehr erhält? 

 

 

Wenn es nicht schon zu spät ist, ist es die Aufgabe einer zeitgemäßen Aufklärung eben nicht, Emotionen aus der Politik zu verbannen oder technische Entwicklungen zu dämonisieren, sondern, sie muss vielmehr die Bedingungen von Legitimität neu reflektieren: Wie kann rechtliche Ordnung wieder sinnstiftend wirken? Wie kann "Charisma" (wieder) an Vernunft und Mitmenschlichkeit und damit an das Allgemeinwohl gebunden werden? 

 

Man kann "Charisma" per se NICHT INHALTICH STELLEN, das geht nicht, denn die Emotion ist inhaltslos und die emotionalisierte Hass-Politik der Gegenwwart HAT KEINE INHALTE, sie ist die NEGATIVITÄT in Reinkultur - sie ist des Geistes Kind, der stets verneint.

 

Die politische Kommunikation sollte populistische Inhalte aber nicht bloß verteufeln, denn dies zieht wiederum Menschen magisch an, die das Verteufelte anbeten, genau, weil es verteufelt wird, nur um zu provozieren, was ihnen wiederum einen Kick, sie sich lebendig und machtvoll fühlen lässt und ihnen Selbstbewusstsein als Tabubrecher. Der Geist der stets verneint, ist die verkörperte Menschenfeindlichkeit und seine Evanglisten sind Querdenker, Hater, Trolle, Disruptive, also Zerstörer. 

 

Übrigens: Die Tatsache, dass Elon Musk die Algorithmen auf X/Twitter manipuliert und die Reichweite all seiner politischen Gegner absichtlich drosselt, zeigt zusätzlich auch noch, dass die Algotithmen selbst nicht herrschen, sondern der, der die Algorithmen beherrscht. 

 

Wie lässt sich algorithmisch verstärkte charismatisch-emotionale Zerstörungsmacht transparent, verantwortlich und demokratisch einhegen?

 

Gar nicht.

 

Zumindest nicht mit neuen Regeln und schärferen Gesetzen. Verbote, wie das Social Media Account-Verbot für Jugendliche werden das Objekt der Begierde nur noch anziehender für diese Zielgruppe machen. Das heißt nicht, dass ein verantwortungsbewusster Staat nicht trotzdem ein leicht zu umgehendes Gesetz verabschieden sollte, als symbolisches Zeichen seiner Verantwortung und als Appell und Leitlinie für die Erziehungsberechtigten und -pflichtigen. 

 

Die euroäische Datenschutz Grundverordnung und der Digital Services Act der EU ist den Techbros ein Dorn im Auge. Bald werden sie den Dolch der Spaltung im Rücken der EU so oft um weit umgedreht haben, dass derartige Gesetze im EU-Parlament keine Mehrheit mehr finden. 

 

 

Die eigentliche Herausforderung der Gegenwart besteht nicht im Mangel an Regeln, sondern im Verlust ihrer erzählerischen, moralischen und menschlichen Einbettung. Die Bürger erkennen den Wert dieser Regeln vermehrt nicht mehr (an), weil sie ihren Sinn nicht mehr verstehen können.

 

Meine Prognose: Das Internet wird sich durch die massenhafte Flutung mit KI- generierten Inhalten, von denen die Algorithmen annehmen, dass sie für den Massengeschmack interessant sein könnten, in Kürze komplett unglaubwürdig machen und damit als Informationsmedium ausgedient haben. Selbst Wikipedia kann sich offenbar nicht mehr gegen die KI-Manipulationen schützen.

 

Exkurs: Vgl. Arte-Doku "Der Tod des Internets". Passend dazu gibt es bereits einen Wikipedia-Eintrag "Dead Internet-Theorie", der die Hypothese zu widerlegen versucht, dass das Internet durch KI "gekillt" wird, indem dort eine 2024er Studie angeführt wird, die besagt, dass nur die Hälfte aller Internet-Inhalte KI generiert seien. Besonders vor dem Hintergrund, dass KI erst 2023 für Normaluser verfügar wurde, ist gerade dieser befund, ob erlogen oder faktenbasiert, genau der Beleg dafür, dass das Internet zumindest als Intormationsquelle durch KI und Desinormation erledigt ist.

 

Dadurch, dass das Internet als reine Medientechnologie aber durchaus weiterlebt und nützliche Funktionen, Dienste und Anwendungen weiterhin berechtigt exisistieren, schlage ich für die Politische Kommunikation unter legal-rationaler Herrschaft (also aktuell noch der freiheitlich-demokratischen Grundordnung) zwei Taktiken vor:

 

  • Erstens, das Netz trotzdem weiterhin mit POSITIVEN Erzählungen, die auf nachweisbaren Tatsachen beruhen, verstärkt fluten und
  • Zweitens mein Rat an alle User/Bürger/Wahlberechtigten: Fördert die Wissenschaft und den Journalismus, indem Ihr bereit seid, für seriös recherchierte, aufbereitete und dreifach geprüfte Informationen Geld zu bezahlen.

 

Es könnte möglicherweise sogar eine Zeit bevorstehen, in der Misstrauen gegen JEDE digitale Information herrscht, weil sie leicht gefälscht werden kann.

 

Wetten werden noch angenommen, ob wir vielleicht sogar noch die Rückkehr der Print-Medien erleben, weil diese am schwersten zu fälschen sind - und dann laufen die Algorithmen, die ausschließlich die digitale Welt manipulieren können, ins Leere. Populistische Positionen können durch sie in der analogen Welt nicht mehr verstärkt werden, sie gewinnen keine größerere Reichweite, verlieren an Attraktivität und Zustimmung. 

 

Vielleicht auch ein Grund, warum DJT die Briefwahl abschaffen möchte, ehe er Wahlen ganz abschafft, denn als König der USA wird er lebenslang herrschen und seine Herrschaft weitervererben, auch ohne die Zustimmung des Volkes. Dies entspricht nach Weber der traditionellen (monarchistischen) Herrschaftsform - und sofern das Volk dies akzeptiert - ist sie legitim.