Einmarsch in Venezuela: Trumps Nachsicht mit Putin nun erklärbar

Skulptur "Die Kriegswissenschaft" von Reinhold Begas
Skulptur "Die Kriegswissenschaft" Foto: Detlev J. Pietzsch, 2009, CC-BY-4.0

Analyse der politischen Kommunikation anlässlich des Einmarschs der USA in Venezuela: Gentlemen-Agreement 2.0 lässt den Gegner gewähren

Trumps Angriff auf Venezuela war lange vorhersehbar und der Deutsche Bundeskanzler offenbart in seiner offiziellen Verlautbarung dazu, dass er langsam versteht, dass er nicht einmal mehr eine kleine Nebenrolle in diesem geopolitischen Schmierentheater spielt, sondern in den Zuschauerraum verbannt wurde und wohl dankbar sein kann, überhaupt noch einen Sitzplatz ergattert zu haben. 

 

Europa ist kaltgestellt durch die US-Androhung, als nächstes Dänemark (oder Kuba) zu annektieren. Mehr dazu gleich. Konzentrieren wir uns zunächst darauf, die Kommunikationspsychologie der Ereignisse zu analysieren.

 

Es müsste sehr peinlich sein für Putin, dass Trump in Venezuela genau das geschafft hat, wovon er selbst 2022 in der Ukraine geträumt hatte: In der Nacht des Überfalls noch das Staatsoberhaupt festnehmen und ausschalten und das Land komplett unter die eigne Herrschaft stellen.

 

Putin müsste jetzt seinem Amtskollegen im Grunde gratulieren, den Hut vor ihm ziehen und ihn zum Golfen auf die Krim einladen, aber er ist kein Sportsmann.

 

Jetzt, nach vier Jahren mühsamen Ringens gegen die erstaunlich wehrhafte Ukraine und ihren erstaunlich wehrhaften Staatsschef, kann er froh sein, wenn er noch – von Trumps Gnaden, aber wahrscheinlich ist das auch nur vorgespielt – einige Gebiete der Ostukraine behalten darf. Wahrscheinlicher ist, dass Trumps butterweiche Empörung bei erfolglosen Friedensverhandlungen Teil des Deals ist.

 

Seine Empörung war echt, als er glaubte, wegen der unerfreulich verlaufenden Friedensverhandlungen keinen Friedensnobelpreis erhalten zu haben, aber sie hielt nur kurz an. Vielleicht war es auch die Verleihung des Preises an eine venezuelanische Freiheitskämpferin, der seine Aggression gegen Venezuela überhaupt erst angefacht hatte und seine nazistischen Rachegelüste befeuerte. 

 

Nachdem die USA also Venezuela im gleichen Stil überfallen haben, wie es Putin in der Ukraine geplant hatte, ist auch klar, warum Trump und Putin miteinander milde und nachsichtig umgehen: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. 

 

Die dritte Krähe, Chinas Chi, sitzt in Peking und ärgert sich jetzt ebenfalls, dass seine Politik der stillen, langfristigen feindlichen, aber legalen wirtschaftlichen Übernahme durch Anteilszukäufe, bzw. Landkäufe oder den Erwerb von Nutzungsrechten in Venezuela nun nicht mehr aufgeht. 

 

Trotzdem muss Trump keine Racheaktionen durch Chi befürchten, denn der spekuliert immer noch auf Taiwan, testet mit Manövern die Reaktionsbereitschaft der Verbündeten Taiwans und weiß als dritte Krähe sicher, dass er von Putin und Trump nichts zu befürchten hat.

 

Die Drei sind keine Freunde oder Partner, aber wie Mafiosi arbeiten sie zusammen und teilen ihre Einflusszonen in klar voneinander abgegrenzte Gebiete auf, um einander nicht unnötig teuer in die Quere zu kommen. 

 

Geht einer zu weit, muss der andere ihm durchaus drohen oder einen Finger abhacken oder Zölle verhängen, aber die Androhung einer totalen Vernichtung findet - anders als im Kalten Krieg - nicht statt, wenn man mal vom Säbelrasseln in Moskauer Talkshows absieht.

 

Ob die drei den Plan, die Welt unter sich aufzuteilen, nun beim Pokern ausgeheckt haben oder wie einst Stalin, Churchill und Truman in der Sommerresidenz des Zaren auf Jalta (Krim!) nach zähen Verhandlungen auf einem Zettel notierten oder ob es sich um ein stillschweigendes Gentlemen.Agreement handelt, ist praktisch egal, denn sie verhalten sich genau so. 

 

Wenn die Drei sich also einig sind, wer ist dann der Gegner?

 

In Moskauer Talkshows wollen Propaganda-Bluthunde ständig Atomraketen auf Berlin werfen, das ist ein klarer Hinweis, wer als Gegner angesehen wird: Die Europäische Union. Nicht der Westen im Allgemeinen, schon gar nicht der Kapitalismus oder die NATO, denn diese stellen jetzt, nachdem Trump sie ad absurdum geführt hat - keine Bedrohung dar, daher sind sie keine Gegner, sondern in Wirklichkeit Partner bei einem Nicht-Angriffs-Pakt. Anderslautendes Poltern dient nur der Verschleierung der wahren Absichten. 

 

Und welches Ziel wäre symbolisch geeigneter als Berlin, die historisch-geopolitische Schnittstelle zum Untergang der Sowjetunion 1990, der gigantischen narzisstischen Kränkung, unter der Putin so leidet und die er seither geografisch-hegemonial rückgängig zu machen versucht. 

 

Militärisch ist Europa schon schachmatt, weil Trump den Beistand als NATO-Partner nicht nur verweigert. Er droht vielmehr Europa/Dänemark/Grönland anzugreifen. Er hat sogar noch nicht einmal mehr vor, dafür zu bezahlen, er will es annektieren ("must have").

 

Das ist zwar ein Kriegsgrund, bzw. ein Bündnisfall innerhalb der EU, aber Europa kann den Krieg nicht gewinnen, also werden wir, um Menschenleben und damit die Absatzmärkte zu schützen, opportunistisch bleiben und schön den Mund und die Füße still halten, in der Hoffnung, nicht selbst angegriffen zu werden. 

 

Außer Ungarn, die Ungarn sind dabei mit wehenden Fahnen freiwillig heim ins Reich gehen, wie einst Österreich. 

 

Trump hat Putin 2024 die Annexion der Krim gewähren lassen, bzw. war er da noch gar nicht in der Position, irgendetwas zu gewähren. Aber später wunderte sich die Welt, wie respektvoll und freundschaftlich er stets von seinem Freund Putin sprach. Der Grund war, dass er dasselbe mit Venezuela vorhatte, sozusagen dem Öl-Tank in seinem Hinterhof, vergleichbar mit der Kornkammer Krim in Putins Hinterhof. Außerdem spielt die zu erwartende Aufwertung des Dollars dabei eine Rolle. 

 

Ich wage zu behaupten, dass die Androhung, sich Grönland zu schnappen, aus verschiedenen Gründe erst einmal nur aufgebauscht wurde. Aber sobald es lukrativ erscheint, wird Trump verrückt genug sein, es zu tun und die Chance, dass ihn NIEMAND aufhält, stehen wundervoll mit dem Gentlemen-Agreement 2.0 bezüglich Ukraine/Venezuela/Taiwan. 

 

Andersherum ist es mit dem Baltikum und den anderen ehemaligen Unionsrepubliken der Sowjetunion genauso: EU-/NATO-Staaten wurden bisher nicht angegriffen. Putin hat die Ukraine angegriffen, nicht nur deshalb angegriffen, damit die EU sie sich nicht einverleibt, wie er es empfindet, denn die EU hatte gar nicht vor, dem Antrag der Ukraine stattzugeben. Als Herrscher mit Cäsarenwahn will er sie zurück in die "russische Föderation" und damit zurück in sein Reich und damit in seinen direkten Einflussbereich holen. 

 

Tschetschenien, Weißrussland, Georgien sind ihm schon längst sicher. 

 

Ob es etwas Schweden und Finnland etwas genützt hat, Mitglied der NATO zu werden, ist fraglich. Der Schutz der NATO wird nicht mehr greifen, also sind sie, bzw. das Baltikum m.E. als Nächstes dran, Putin sucht nur noch nach der schwächsten Stelle, die er durchbrechen kann. Denn für ihn ist es seine maskuline Pflicht, einen Gegner anzugreifen, wenn der so doof ist, genügend Schwäche zu zeigen. 

 

Auf die These, dass Putin die ehemaligen Sowjetrepubliken alle bereits schon wieder so gut wie zurückgewonnen hat, gehe ich andernorts nochmal genauer ein. 

 

Zum Schluss dazu nur kurz dies: Demokratie und Soziale Marktwirtschaft waren einst stark und verlockend für die ehemaligen sowjetischen Unionsrepubliken (z. B. Ukraine, Georgien, Baltikum) und natürlich auch für die autonomen Republiken innerhalb Russlands.

 

Schweden und Finnland sind der NATO beigetreten aus Angst vor einem Überfall. Doch was ist mit Deutschland? Knapp ein Viertel unseres Staatsgebietes  hat er schon sicher: Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt, wird genau wie Ungarn freiwillig zu russischen Bütteln werden und vielleicht nicht unbedingt in die Russische Föderation eintreten wollen, aber sie werden sich Putin anschließen, sodass er keinen einen einzigen Schuss abfeuern lassen muss. 

 

Zwar haben auch die USA unter Trump angefangen, die östlichen Bundesländer aufzuhetzen, in Form von AfD-Finanzierung und massenhafter medialer Unterstützung durch Musks X, aber offenbar zahlt Russland mehr.  Tiefenspychologisch könnte die starke Nähe der AfD zu ehemals kommunistischen Bruderländern zusätzlich dadurch erklärbar sein, dass die Mehrheit ihrer älteren Mitglieder in dem Bewusstsein aufgewachsen sind, dass in Moskau der große Beschützer sitzt und in Washington der Feind. 

 

Doch Trump, Musk und den Techbros geht es weniger um Territorien als um Zerstörung von Demokratie und Sozialer Marktwirtschaft, weil sie sie daran hindern, ihre Zukunftsvisionen schnell genug gewinnbringend durchzusetzen.

 

Jedenfalls stehen alle europäischen Länder, die unabhängig von russischem oder amerikanischem Öl/Gas sein wollen, dann keinem der beiden beiden Fossilblöcke mehr als Absatzmärkte zur Verfügung. Deshalb ist Europa so oder so in Gefahr. China gewinnt in jedem Szenario.